Neubewertung des Ablaufs der Abiturprüfungen

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Der Kreisvorstand der SPD Marzahn-Hellersdorf hat am 20.4. den Antrag der Arbeitsgemeinschaft für Bildung Marzahn-Hellersdorf angenommen, den Ablauf der Abiturprüfungen zu überdenken:

Wir fordern den Senat von Berlin auf, den Ablauf der Abiturprüfungen am 22.04.2020 auf Grundlage der untenstehenden Umsetzungsbedingungen neu zu bewerten, gegebenenfalls am 29.04.2020 zu evaluieren und mindestens bis zum 04.05.2020 auszusetzen.

Die Kultusministerkonferenz hat am 25.03.2020 entschieden, dass die Abiturprüfungen stattfinden sollen und dies am 14.04.2020 in ihrer Konferenz noch einmal bekräftigt. Die konkrete Ausgestaltung liegt bei den Ländern. In Berlin soll nach Beschlusslage der Senatsverwaltung für Bildung (SenBJF) die erste Prüfung am 20.04.2020 beginnen.

Die AfB Marzahn-Hellersdorf und der Kreisvorstand Marzahn-Hellersdorf sehen die Beschlusslage der SenBJF sehr kritisch.

Nach wie vor sind viele Parameter, die eine Durchführung der Abiturprüfungen im Hinblick auf den Infektionsschutz und vor allem der Chancengleichheit, nicht gegeben.

Daher fordern wir für die Durchführung der Prüfungen mindestens:

  1. Gesicherte und chancengleiche Umsetzung der Abiturprüfungen in Berlin. Dazu gehören eine klare und umfassende Kommunikation und Information gegenüber den Schulen und den Prüfenden.
  2. Nachdem die Prüfungen für Latein (20.04.2020) und Biologie (22.04.2020) nicht mehr vertretbar verschoben werden können, fordern wir eine bestmögliche Unterstützung der Schulen und Schulleitungen bei der Umsetzung der Rahmenbedingungen.
  3. Am Mittwoch, den 22.04.2020 soll anhand der untenstehenden Umsetzungsbedingungen entschieden werden, ob die weiteren Prüfungen, wie aktuell vorgeschlagen, durchgeführt werden können oder eine notwendige Verschiebung mindestens bis zum 04.05.2020 nötig ist.
  4. Am Mittwoch, den 29.04.2020 soll eine weitere Evaluation der Umsetzungsmaßnahmen stattfinden und auf Basis dieser Bewertung ein verbindlicher Zeitplan entwickelt werden
  5. Zur Abfederung der erschwerten Lern- und Prüfungsbedingungen und damit einhergehender sozialer Ungleichheiten soll die SenBJF zudem eine Anpassung der Abiturnoten vornehmen. Sollte die Gesamtdurchschnittsnote am Ende des Prüfungszeitraums über dem Vorjahr liegen, sollen die Noten aller zu Prüfenden pauschal um die Differenz verbessert werden.
  6. Zur Entlastung des Systems soll auf die MSA-Prüfungen an Gymnasien verzichtet werden und geprüft werden, inwiefern ein Aussetzen der regulären MSA-Prüfungen zur Erreichung eines vollwertigen Abschlusses möglich und umsetzbar ist.

Als Kriterien für eine angemessene Prüfungsvorbereitung und Umsetzung sehen wir folgende Punkte an:

  • Öffnung der öffentlichen Bibliotheken und Bibliotheken an Hochschulen
  • Eine angemessene Präsenzzeit von mindestens zwei Wochen, zur verbindlichen physischen Kontaktaufnahme zu den Schüler*innen und Klärung von prüfungsrelevanten Fragen
  • Verbindliche Rückmeldung der Schulen zum Bedarf von Einmalhandschuhen, Mund-Nasen-Schutz, Desinfektionsmittel und Handseife während der gesamten Prüfungszeit
  • Beschaffung und Ausgabe der tatsächlich benötigten Materialien vor den Prüfungen
  • Verbindliche Rückmeldung, welches Personal effektiv zur Aufsicht eingesetzt werden kann – es gehört zusätzlich zur Risikogruppe nach RKI-Definition auch die Ausplanung von Personal mit schwangeren Partnern bzw. im Haushalt lebende Angehörige der Risikogruppe und/oder Vorerkrankungen und kinderbetreuendes Personal, das nicht unter die Ein-Eltern-Regelung fällt
  • Verbindliche Rückmeldung der Anzahl der Prüfungsräume
  • Verbindliche Rückmeldung der zu reinigenden/desinfizierenden Prüfungsräume und Abnahme bzw. Gegenzeichnung der gereinigten/desinfizierten Prüfungsräume
  • Verbindliche Aufklärung aller an den Prüfungen beteiligten Lehrkräften und Prüfenden zur Einhaltung des (präventiven) gesetzlichen Gesundheitsschutzes durch die Unfallkasse auf Basis der Deutschen Arbeitsschutzstrategie (GDA)

Solange die oben genannten Kriterien nicht verbindlich eingehalten werden können, sehen wir eine Verschiebung der Prüfungen für erforderlich.

Begründung

Für ein gleichwertiges Abitur gegenüber den anderen Bundesländern und den Vorjahren, müssen auch gleichwertige Bedingungen herrschen. Mit der Entscheidung, die Prüfungen am 20.04.2020 beginnen zu lassen, wurden und werden die Bedingungen nicht erfüllt. Als Partei der sozialen Gerechtigkeit stoßen wir in diesem ganzen Prozess immer wieder auf Chancenungleichheit. Viele Familien sehen ihre Kinder nicht gut vorbereitet, weil sie schlichtweg nicht die Möglichkeit haben, sich aus sozioökonomischen Gründen so vorzubereiten, wie es angemessen wäre. Die Abiturienten sind wesentlichen Stressfaktoren ausgesetzt, die in den Jahrgängen davor niemals in dieser Größenordnung zum Tragen gekommen sind.

Die letzten Tage haben allerdings auch gezeigt, dass eine realistische Bewertung der Umsetzung der Infektionsschutzmaßnahmen vor Ort nicht machbar ist. Es fehlt an verbindlicher Kommunikation an die Bezirke und die Schulaufsichten, es fehlt an verbindlichen Rückmeldungen seitens der Schulen im Hinblick auf Materialbedarf und Personaleinsatz, es fehlt überhaupt an ausreichendem Material zur Umsetzung der Maßnahmen. Dafür ist die Senatsverwaltung für Bildung (SenBJF) verantwortlich.

In Berlin legen dieses Jahr gut 30.000 Schüler*innen ihre Prüfungen ab. Pro Prüfungstag werden allein für die Schüler*innen 60.000 Einmalhandschuhe und 30.000 Mund-Nasen-Schutz benötigt. Für die Hauptfächer bedeutet das eine dreifache Menge. Die Schulen haben nach wie vor nur kaltes Wasser zur Verfügung. Das Händewaschen nach Hygienerichtlinien ist auch damit nicht gegeben.

Eine besondere Situation wie die Corona-Pandemie bedarf einer besonderen Einschätzung der Umstände, denen die Prüfenden ausgesetzt sind. Es kann und darf in dieser Situation nicht verlangt werden, im Normalmodus Prüfungen abzulegen, die immer so wertvoll bewertet werden, gerade im Hinblick auf die Zulassung in anderen Ländern, aber lediglich ein Drittel der Gesamtnote ausmachen.